Wer hat die Macht und woran erkennen wir sie? In einem Mani‑Matter‑Lied kippt eine scheinbar harmlose Theateraufführung in eine handfeste Schlägerei. Anhand dieser Szene nähere ich mich der Frage nach Macht mit drei starken Perspektiven: Max Weber, Hannah Arendt und Michel Foucault und lade dazu ein, über unsere eigene Rolle in Freiheit, Menschenrechten und Demokratie nachzudenken.
Wer hat die Macht?
Ist es die Fähigkeit, als Einziger die Fernbedienung zu kontrollieren?
Oder hat derjenige die Macht, der zuerst im Viererabteil sitzt?
Vielleicht die Katze, die um fünf Uhr morgens Futter verlangt.
Macht scheint überall zu sein – und doch ist sie schwer zu fassen.
Um dieser Frage näherzukommen, schauen wir auf ein Lied von Mani Matter:
«Si hei dr Wilhälm Täll ufgfüert».
Im Gasthaus Löwen in Nottiswil wird das Theaterstück Wilhelm Tell aufgeführt.
Die Dorfbewohner:innen sind zugleich Schauspieler:innen und Publikum.
Wilhelm Tell und die Eidgenossen stehen bereit – gespielt von Fritz und Fränzi aus dem Dorf.
Gegenüber: der fiese Landvogt Gessler und seine Schergen.
Alles läuft gut.
Bis jemand eine provokative Bemerkung macht.
Und dann: Es eskaliert.
Plötzlich vergessen alle, dass es Theater ist.
Eine Schlägerei bricht aus.
Die Darsteller:innen prügeln sich entsprechend ihren Rollen:
Eidgenossen gegen Österreicher.
Auch die Zuschauer:innen greifen ein.
Das ganze Wirtshaus versinkt im Chaos.
Am Ende gewinnen die Eidgenossen –
allerdings dank Wirtshaus-Kampftechnik statt Armbrust.
Mani Matter singt am Schluss:
„Sie würden die Freiheit gewinnen, wenn sie so zu gewinnen wäre.“
Doch wer hat hier die Macht?
Auf den ersten Blick scheint es klar:
In Nottiswil hatte der Stärkere die Macht.
Doch schauen wir genauer hin –
durch die Brille von Max Weber, Hannah Arendt und Michel Foucault.
Beginnen wir mit Max Weber.
Er definierte Macht als die Chance, den eigenen Willen gegen Widerstand durchzusetzen.
In Nottiswil taten genau das die Dorfbewohner:innen in der Rolle der Eidgenossen –
mit Fäusten statt Worten.
So hätte Weber wohl gesagt:
Das ist Macht in Reinform.
Hannah Arendt sieht Macht ganz anders.
Nicht als Besitz, nicht als Zwang,
sondern als gemeinsames Handeln.
„Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit,
sich mit anderen zusammenzutun und im Einvernehmen zu handeln.“
Echte Macht ist ein Wir,
kein Ich gegen dich.
In Nottiswil begann alles genau so:
Die Dorfgemeinschaft organisierte gemeinsam das Theaterstück –
freiwillig, ohne Zwang.
Ein schönes Beispiel für Arendts Machtverständnis.
Doch dann kam die Gewalt.
Und hier wäre Arendt klar:
Macht und Gewalt sind nicht dasselbe.
Als die Fäuste flogen, war die Macht verschwunden.
Michel Foucault wiederum würde sagen:
Macht steckt nicht nur in Personen,
sondern in Rollen, Gewohnheiten und Vorstellungen.
In Nottiswil zeigt sich das deutlich:
Warum konnte eine Bemerkung alles kippen?
Weil der Wilhelm-Tell-Mythos tief verankert ist. Das Drehbuch.
Die Rollen wurden real.
Macht wirkte hier wie ein unsichtbares Netz aus Bedeutungen,
das die Menschen lenkte.
Wer hat nun die Macht?
Nach Weber, Arendt und Foucault wird klar:
Es gibt nicht eine einzige Antwort.
Mal setzt sich der Stärkere durch – wie bei Weber.
Mal entsteht Macht durch gemeinsames Handeln – wie bei Arendt.
Und mal wirkt sie unsichtbar in Normen und Vorstellungen – wie bei Foucault.
Die ermutigende Botschaft ist:
Wir sollten nachdenken.
Wir haben mehr Macht, als wir glauben.
Wie die Dorfbewohner:innen von Nottiswil
sind wir nicht ohnmächtig,
wenn wir gemeinsam handeln.
Wer hat die Macht?
Vielleicht wir alle –
wenn wir es wollen.
Die Welt ist vielleicht ein grosses Nottiswil:
ein bisschen chaotisch,
aber wir sind alle Teil davon.
Nutzen wir unsere Macht mit Verstand und Herz mit –
für unsere Freiheit, die Menschenrechte und ein demokratisches Zusammenleben
und ohne mit Armbrüsten aufeinander zu schiessen.
Vielen Dank fürs Zuhören.
Wenn Macht manchmal laut als Durchsetzung erscheint, manchmal leise als gemeinsames Handeln und manchmal unsichtbar als Rolle und Erwartung, dann ist sie nie nur „bei den anderen“. Die entscheidende Frage lautet am Ende nicht nur „Wer hat die Macht?“, sondern auch: Wie gehen wir mit ihr um im Kleinen wie im Politischen.
Schreibe einen Kommentar